Natur und Naturbeobachtung – ein Heilmittel, auch in der Pandemie

Aktualisiert: März 27

Diese kleine Ameise, die da über den Weg läuft; eilig und fast unerhört zielorientiert marschiert sie zwischen den kahlen Pflasterfugen des Gehweges entlang. Ihre schier zahnseidedünnen Beinchen bewegen sich mit atemberaubender Geschwindigkeit; wie ein kleines Uhrwerk läuft sie von einer Seite zur anderen, nur um in einem kleinen Sandhäufchen mitten auf dem Weg zu verschwinden. Offenbar ist das ihr Bau. Und sie ist nicht allein. Eine Ameise an der anderen folgt ihr, wiederum andere laufen in die genau entgegengesetzte Richtung. Und nun sehe ich, dass sie hauchkleine Gegenstände in das Nest transportieren beziehungsweise kleine Sandkörnchen aus dem Bau schleppen, wiederum andere tragen zu ihrem Körperbau unverhältnismäßig große Stöckchen. Siehst du das? Warum haben sie es so eilig? Was machen sie da?

Wir sind auf dem Weg. Mein kleiner Sohn will weiterschauen. Er ist gerade zwei Jahre alt und möchte diese Szenerie, die er erst vor wenigen Augenblicken fasziniert entdeckt hat, nicht abrupt verlassen, sondern so lange schauen, gucken, und mit mir darüber sprechen, von mir erzählt bekommen, was hier gerade vor sich geht, bis er „satt“ ist. Valentin schaut und schaut und schaut so gebannt auf die flink hin und her flitzenden Tierchen, dass es mich selbst ebenso fesselt und begeistert. Die Autos rasen an uns vorbei, es ist laut hier an der Straße, hin und wieder rattert die Straßenbahn oder streift der unmerkliche Luftzug eines Passanten unsere Gesichter. Für uns steht die Zeit still. Wir sind ganz im Moment. Allein die völlige Hingabe an das Hier und Jetzt, die ungeteilte Aufmerksamkeit, die er diesen kleinen Wesen schenkt, sein Hinknien, die außenweltvergessene Leidenschaft, die Fokussierung auf ein einzelnes Geschehen eröffnet mir einen ganz eigenen, unschätzbar wertvollen Mikrokosmos, wie ich es mir nie hätte vorstellen können, bevor ich Kinder hatte. Es ist wie eine Parallelwelt, in die wir eintauchen, indem wir innehalten. Magisch.

Der Moment wird kommen, in dem mein Kind bereit ist, weiterzugehen. Solange muss und kann der Einkauf warten. Die Waren in den Regalen laufen nicht davon, der Moment hier jedoch kommt nie wieder. Ich kämpfe gegen meine innere Unruhe. Weder halten wir mit so einem Erlebnis jegliche Art von Terminplan ein, noch haben wir dafür einen weiten Weg zurück gelegt, und Geld haben wir dafür erst recht nicht ausgegeben. Wir persiflieren sozusagen die Idee des Terminkalenders und des Konsumzwangs.

Mit kleinen Kindern warten Natur und Naturerlebnisse überall: in der kleinsten Nische, in der unscheinbarsten Ecke und auf dem langweiligsten Gehweg. Wir können uns das Geld für teure und reizüberflutende Vergnügungsparks und blinkendes und quäkendes Plastikspielzeug sparen. Solche stillen, unverhofften Momente des Innehaltens sind tausendmal wertvoller für ein Kleinkind, als jeder noch so ausgefeilte Fernurlaub. Ein Dreijähriger wird die Malediven, Mauritius oder Thailand nicht vermissen. Oder anders gesagt, würde er sich am anderen Ende der Welt für die selben für uns Erwachsenen „banalen“ Dinge wie den Weg kreuzende Ameisen, einsame Käfer und leuchtende Blümchen begeistern, wie hier. Er ist erst so kurz auf der Welt, hat hier in seinem scheinbar langweiligen Alltag aber so viel zu entdecken und zu erfahren, wie wir es uns wohl oft gar nicht vorstellen können!

Viel mehr wird er innerlich oder äußerlich abwesende Eltern vermissen, die keine Zeit für vermeintlich so unproduktive Augenblicke haben: Mit kleinen Kindern müssen wir nicht an einen bestimmten, reizvollen Ort fahren, um ihm die Faszination der Welt zu zeigen. Es reicht schon, unser strukturiertes, oft zackiges Erwachsenentempo zu drosseln und uns auf das Tempo dieser kleinen Person an unserer Seite einzuschwingen. Natur ist überall. Wenn wir das erst einmal begreifen, dann erwarten uns unbeschreibliche Glücksmomente und die Riesenlast des Leistungs- und Konsumzwangs fällt Stück für Stück von uns ab. Das würde auch unserem Klima gut tun.

Lange habe ich überlegt, wie und ob überhaupt ich mich zum allgegenwärtigen, seit Februar 2020 alles andere überschattenden Thema der Pandemie äußern möchte. Ich wollte nichts Unüberlegtes schreiben. In diesen Monaten erlebte ich unheimliche Tiefen, Momente der Verzweiflung und Trauer, der Hilflosigkeit, ich litt an dem Gefühl des Ausgeliefertseins, des Freiheitsverlusts. Ein Lockdown nach dem anderen, eine Reise nach der anderen abgesagt, keine Besuche mehr meiner alten Großeltern und meiner Freundinnen in meiner alten Heimat, der Schweiz. Über Ostern wollten wir mit dem Nachtzug nach Venedig fahren. Die Reise fiel aus. Das Gleiche mit Basel im Advent. Und so weiter und so fort.

Unseren Kindern gegenüber aber fühle ich mich verpflichtet, die Stimmung oben zu halten. Deshalb entscheide ich mich immer wieder ganz bewusst, mich auf das Positive zu konzentrieren, meinen Fokus aber vor allem auf die eigene Wahrnehmung zu lenken. Sie trügt nicht und ist unbestechlich. Was sie für ihre Entfaltung aber braucht, ist die nötige Zeit und ein unverstellter, offener, klarer Blick, wache Ohren, wache Finger, ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit. Liebevoll beobachtende und begleitende Erwachsene. Das Gleiche geht auch mit zwei oder mehreren Kindern, es erfordert eigentlich nichts außer einer seelischen und geistigen Wachheit. Und Loslassen. Loslassen vom Termindruck und Zeitzwang der „Erwachsenenwelt“. Klar muss man gelegentlich, beziehungsweise immer wieder, Kompromisse schließen – aber das ist in anderen Lebensbereichen ja genauso. Wenn Valentin nicht irgendwann von selbst weiter will, oder es mir wirklich zu lang wird, werde ich sagen, dass wir nun Abschied von unseren Ameisenfreunden nehmen müssen..., nur um drei Meter weiter an einem kämpferisch blühenden Löwenzahn hängenzubleiben, dem wunderbarerweise mit seinen weichen, zarten Blättern der Durchbruch durch steinharten Asphalt gelang. It's magic! Und diese Magie kann uns über die Dunkelheit und Einsamkeit dieser Zeit hinweghelfen. Davon bin ich fest überzeugt.

Kleinkinder sind fabelhafte Wegbegleiter. Nicht nur auf dem Weg zum Konsum, sondern überhaupt und überall. Habt keine Angst, euren Kindern – gerade jetzt während Corona – „nichts“ oder zu wenig bieten zu können! Geht raus und lasst sie die richtige Welt entdecken. In ihrem Tempo, nach ihren Regeln. Natur ist überall.


Der Originalbeitrag ist auch hier zu finden: https://www.muetterderneuenzeit.de/blog/







16 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

©2020 Sara Tröster Klemm