Die Performance "Joseph Beuys wo bist Du?"




... und die Projektion "Worte für den Frieden" während der documenta in Kassel.


Eine Kooperation zwischen Beat Toniolo und der Stiftung 7000 Eichen


Kassel, 2. September 2022. Am Rande der krisengeschütteltendocumenta fifteen und gleichzeitig mittendrin, fand am Freitag, den 2. September, eine Performance und Lichtprojektion des Schweizer Künstlers Beat Toniolo statt. Mit weiß geschminktem Gesicht und schwarzen Augen kniete sich Toniolo auf dem Friedrichsplatz in Kassel auf den Boden. Eingeladen von der Stiftung 7000 Eichen und damit unabhängig von der documenta, schrieb er mit schwarzer Acrylfarbe und langem Pinsel die Frage „Joseph Beuys wo bist Du?“ auf eine große Leinwand und auf Tapete mit Blumen und Natursujets. Zwischendurch wechselte er an eine Erika-Schreibmaschine, auf welcher er denselben Satz tippte. Dabei trug er einen weißen Anzug mit der Aufschrift „Aktion saubere Kunst schauen“ und eine Polizeimütze, auf welcher „Peace-Pace-Maker“ stand. Auf einem weiteren am Schreibmaschinentisch hängenden Anzug war „Kunst ist unter uns“ zu lesen. So gekleidet trat Toniolo schon auf der Art Basel bei unbewilligten Performances auf.


Eine Stunde lang währte das Geschehen, welches die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums auf sich zog. Viele blieben von Anfang bis Ende. Beat Toniolo ist nicht nur Künstler, sondern auch Kulturvermittler, und so verwischten sich in dieser Performance die Grenzen zwischen Kunst und Vermittlung. Situativ reagierte er auf die Besucher. Gebannt schaute unter anderem ein kleines Mädchen dem Polit- und Performance-Künstler zu, wie er in großen Lettern die Worte und Buchstaben wie Zeichen auf die Fläche malte. Langsam auf sie zugehend fragte Toniolo sie: „Kennst du denn Beuys?“, sie verneinte, und er tippte „Joseph Beuys wo bist Du? Von Beat für Emilia“ auf ein Blatt Papier und reichte es ihr. Es war ein Moment, an den sich die Siebenjährige wahrscheinlich noch lange erinnern wird. Einerseits schrieb er kontemplativ die Worte auf, und nahm andererseits Bezug zu Leuten auf, die ihm dann wiederum etwas erzählten. Mehrfach sprach er den Satz auch laut durch ein Mikrophon – und bekam prompt die Antwort „Hier!“.


Das aus der Performance entstandene Kunstwerk wird auf einer Alu-Verbundplatte fixiert auf der Rückseite des Bistro Alex auf dem Friedrichsplatz Platz finden. Damit befindet es sich in direkter Nähe zu einem Zehnmeter-Schaufenster, welches die Stiftung 7000 Eichen im vorigen Jahr eingerichtet hat.


Im Anschluss an die Performance wurde an die Hauswand des Bistros Alex Toniolos Lichtprojektion Worte für den Frieden präsentiert und von einem Saxophonisten begleitet. Schon im März dieses Jahres projizierte Toniolo knapp vierzig Zitate herausragender Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst und Sport als Solidaritäts-Kunstaktion und Reaktion auf den Ukraine-Krieg auf den Rheinfall. Für Toniolo ist der Rheinfall „ein wichtiger Naturbotschafter. Hier begegnen sich Menschen aus den verschiedensten Ländern.“ Neben Zitaten von Friedrich Dürrenmatt, Erich Fried, Max Frisch und Thomas Mann hatte Toniolo in einem Aufruf um Zusendungen von Schriftstellern, Künstlern und Sportlern gebeten. Neben vielen weiteren lieferten die ukrainische Autorin und Übersetzerin Svetlana Lavochkina (Leipzig), Prof. Laurent Goetschel (Direktor swisspeace, Bern), Martina van Berkel (olympische Schwimmerin 2012), der Snowboarder und Olympiasieger Nevin Galmarini (Ardez) und der Schauspieler Michael Mendl Statements gegen den Krieg und für den Frieden.


Die Kunstaktion steht im Kontext eines dreifachen Beuys-Jubiläums: Letztes Jahr war das große Beuys Jubiläum mit 100 Jahren Beuys (1921–2021). Dieses Jahr jährten sich die 7000 Eichen mit der ersten Pflanzung am 16. März 1982 zum vierzigsten Mal und am 22. Oktober wird die Stiftung 7000 Eichen ihr zwanzigjähriges Bestehen feiern. Aus diesem Grund befindet sich die Stiftung derzeit in intensivem Austausch mit Veranstaltern und Institutionen weltweit, von Wien, bis Chicago und Chile. Eine ganze Reihe von Anlässen bietet die Gelegenheit, über Beuys nachzudenken, so Volker Schäfer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. In diesem Jubiläumsjahr plante er auch eine Projektion zu Beuys, welche nun mit Toniolos Worten für den Frieden verbunden wurde. In Kassel wurden die Worte für den Frieden um Zitate von Joseph Beuys erweitert. Zitate von Joseph Beuys wie: „Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität.“ oder „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“, erscheinen heute tatsächlich aktuell wie nie zuvor. „Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben aufrechtzuerhalten, nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.“ Egal, ob es um Frieden, Klimaschutz oder um gesellschaftliche Gerechtigkeit geht: Ja, die Frage, Joseph Beuys wo bist Du? kann gar nicht oft genug laut und kräftig und immer wieder gestellt werden! Toniolo bewegt auch die Frage, wie Joseph Beuys auf die Antisemitismus-Debatte rund um die DOCUMENTA fifteen reagiert hätte.



Über den Künstler Beat Toniolo

Aus Schaffhausen stammend, lebte Beat Toniolo, nach 18 Jahren im Elsass, von 2010-2019 in Leipzig, nun in Zeitz, in Sachsen-Anhalt. Die Live-Schreib-Performance Joseph Beuys wo bist Du? führte er bereits mehrfach auf, unter anderem auf der Art Basel in den Jahren 1999 bis 2007. Damals erntete er Platzverweise bis hin zu Performance-Verbot. Heute erhält er für seine politisch engagierten Kunstaktionen Einladungen aus Deutschland und der ganzen Schweiz. Seine Performances haben immer mit Reinigung zu tun. Für seine Seifenperformance bildete er aus hunderten von Kernseifen ein Schweizer Kreuz. Damit bezog er sich auf das Sauberimage der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, auf die „Sauberschweiz“, in der alles sauber gehalten werden soll.


Seine Worte für den Frieden wurden dieses Jahr bereits auf den Rheinfall, in Baden (CH) auf das Dach des Museums Langmatt und in Aarau auf die Mauer des Stadtmuseums projiziert. Am 17. September wird sie zur Museumsnacht an der Bibliothek in Neuhausen Bibliothek gezeigt. Dazu liest Beat Toniolo die Texte laut vor. „Meine Kunst ist auch wiederholend, aber nicht abschließend, denn, Geschichte ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart.“, so der Künstler.



© Dr. Sara Tröster Klemm - Kunsthistorikerin und Autorin / Leipzig, 7. Sept. 2022

Leipzig


Foto: © Harry Soremski, Kassel

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