Meine Transformation als Mutter

Oder wie ich in der fünften Schwangerschaftswoche (!) meinem Kind das Leben rettete


Als in mir mit Mitte 20 der Wunsch nach einem Kind aufkam und unüberhörbar zu einem lauten Ruf heranwuchs, war mir gleichzeitig klar, dass ich das Kind nicht ins Zentrum meines Lebens stellen würde. Ich hatte nicht umsonst fünf Jahre lang in Berlin, Paris und sogar Moskau studiert, hochkarätige Praktika absolviert und einen tollen Abschluss an einer Exzellenzuni abgelegt, um dann uncool, unförmig und mit fettigen, strähnigen Haaren, dauergestresst Milch überkochenlassend nur noch ein Schatten meiner selbst zu sein. Nein, ich wollte die Kontrolle über mein Leben behalten.


Aber es dauerte viel länger als erwartet, überhaupt schwanger zu werden. Nach anderthalb Jahren gab ich innerlich die Hoffnung auf, zumal mich das Personal in der Fruchtbarkeitsklinik, welche ich in meiner Verzweiflung im Alter von 26 Jahren aufsuchte, auslachte: Es sei völlig normal, nichts besonderes. Wenn ich in fünf Jahren immer noch nicht schwanger sei, solle ich noch einmal vorbeischauen.


Um mich herum wurden gefühlt alle sofort schwanger. Nur ich nicht. Das traf mich zutiefst. Mein Kinderwunsch drohte zu einer fixen Idee zu werden. Ich brach zeitweise sogar Kontakte ab, weil ich es einfach nicht ertrug, deren wachsende Bäuche zu sehen und mir Stories über Schwangerschaftsbeschwerden wie Sodbrennen oder Müdigkeit anzuhören – denn ich selbst wünschte mir nichts sehnlicher, als einen dicken Schwangerschaftsbauch und ein kleines Baby im Arm, welches ich wiegen und küssen würde.


Da mir keiner helfen konnte und es einfach nicht klappen wollte, legte ich meinen Kinderwunsch ad acta. Wenn es nicht sein sollte, dann würde ich jetzt eben Karriere machen. Ich bewarb mich auf Doktorandenstipendien, auf Promotionsprogramme und versuchte gleichzeitig im Journalismus Fuß zu fassen. Daneben jobbte ich als Kellnerin und Hilfsköchin in einem kleinen Restaurant, wo ich oft bis ein Uhr nachts noch aufräumen, Stühle hochstellen und Myriaden von Weingläsern polieren musste. Auch säckeweise Kartoffeln mussten geschält und die neue Ware einsortiert werden, und daneben Interviews für das Stadtmagazin geführt und Restaurantkritiken geschrieben werden (was mit Essengehen verbunden war).


Wie soll ich sagen. Nur wenige Wochen nach dieser Entscheidung hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Völlig glücklich, überwältigt und komplett aufgeregt suchte ich am nächsten Tag meine Frauenärztin auf, um alles sofort abklären zu lassen.


Sie machte einen Ultraschall. Danach erhielt ich keinen Glückwunsch, sondern eine sachliche Aufklärung über das weitere Vorgehen: Sie schickte mich zur Ausschabung in die Uniklinik. Denn auf dem Ultraschall schlug das Herzchen nicht. "Sehen Sie? Man sieht nichts. Es ist tot. Es tut mir leid." Ich war aufgelöst, stand in Tränen, heulte, brach seelisch zusammen. Meine Ärztin kommentierte meine in ihren Augen völlig übertriebene Reaktion mit „Angst ist jetzt nicht der richtige Begleiter“. Meine Schicht heute Abend im Restaurant cancelte ich und bat meinen Freund und werdenden Vater des nun totgeglaubten Kindes, auch seinen Dienst abzusagen, um mich stattdessen in die Uniklinik zu begleiten.


Mit ernsten, besorgten Blicken und „auf eigene Verantwortung“ ließen sie mich dort nach der Untersuchung widerwillig gehen. Sie hätten mich am liebsten dabehalten und die kleine Operation so schnell wie möglich vorgenommen. Ich aber bestand stur darauf, die Ausschabung noch um ein paar Tage zu verschieben. Vor den Folgen wurde ich gewarnt, aber meine innere Stimme schrie unüberhörbar NEIN! Der Fötus bleibt!


Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, da ich bisher noch nicht auf die Idee gekommen war, das Handeln von Ärzten zu hinterfragen. Noch ein paar Tage werden mich nicht umbringen, dachte ich mir, und wenn, dann wäre es angesichts des Verlusts meines so sehnlichst gewünschten Kindes auch VOLLKOMMEN EGAL. Mein Leben wäre ohne diese kleine, ungeborene Seele völlig zerbrochen, so fühlte es sich an und schrie und heulte und weinte es in mir.


Hätte ich damals meine innere Stimme unterdrückt, dann gäbe es heute meine Tochter nicht. Stellte sich nämlich heraus, dass das Herzchen einfach noch nicht zu sehen war, da ich in meinem überbordenden Enthusiasmus und dem Gedanken des „Richtigmachenwollens“ einfach sehr früh zur Erstuntersuchung gegangen war. In der 5. Woche. Meine Renitenz, die Frechheit, als medizinischer Laie ohne besseres Wissen Gynäkologen die Stirn zu bieten, hatte ein Leben gerettet.


Und, wie soll ich sagen? Nach der Geburt war auch ich ein neuer Mensch – eine völlige Transformation kam über mich, der ich mich nicht widersetzen konnte. Ich flippte aus, wenn jemand anderes ungebeten das Neugeborene auf den Arm nehmen oder schlimmer noch, mit ihm eine Runde mit dem Kinderwagen um den Block spazieren wollte. Wir waren so eng verbunden, nichts konnte und durfte uns trennen. Und somit kam es auch deutlich später zu einer Tagesmutter, als ich mir vor und in der Schwangerschaft vorgestellt hatte, nämlich genau zwei Jahre später! Dann erst war die Zeit reif.


Mir wird schlecht bei dem Gedanken, wie vielen anderen werdenden Müttern es vielleicht ähnlich ergeht, wie viele gewünschte Kinder für tot geglaubt werden und damit ihr Leben verlieren. Sei widerspenstig und kompromisslos, hör auf deine innere Stimme, wenn es um das Wohl und das Leben deines Kinder geht. Und wirf auch mal alle Pläne über den Haufen, gib dich dem Leben hin.


Im 5. Monat schwanger, nach einer ausgiebigen Runde Butterfly in der kroatischen Adria... Platzend vor Stolz und Glück über meinen Babybauch.

Hinweis: Dies ist meine ganz persönliche Geschichte, mein Schicksal. Der Text soll keinesfalls eine allgemeine Empfehlung sein, medizinische Hilfe abzulehnen – es ist immer eine Entscheidung von Fall zu Fall, die individuell abgewägt werden muss. Manchmal muss man aber den Mut haben, auch einmal Nein zu sagen.

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