Die Neuen Sklaven – eine Realutopie

Aktualisiert: März 27

Beitrag von Sara Tröster zum Cicero Essay-Preis 2005:


„Was wird aus dem 21. Jahrhundert?“





Zusammenfassung


In dieser „Reportage aus der Zukunft“ soll anhand des Tagesablaufes eines Menschen, Amos Nanteck, die veränderte politische, soziale und wirtschaftliche Landschaft am Ende des 21. Jahrhunderts dargestellt werden. Hauptsächlich geht es darum, bereits heute vorhandene Tendenzen aufzunehmen und konsequent weiterzudenken. Themen wie Arbeitslosigkeit, Automatisierung und Gentechnologie spielen dabei eine tragende Rolle. Um aber nicht in destruktive Schwarzmalerei zu verfallen, da ja selbst die Gentechnologie in weiten Kreisen sehr kritisch beäugt wird, versuchen wir den Entwurf einer völlig neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung mit sozialistischen Anklängen. Wir betrachten den heutigen Zustand nicht als Krise, sondern als enorme Chance für weitreichende Reformen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es die technischen Voraussetzungen für eine globale Entlastung der menschlichen Energie von harter körperlicher und semiautomatischer, die natürliche Neugierde abstumpfender Arbeit. Heute aber, am Anfang des 21. Jahrhunderts, sind viele Techniken derart weit fortgeschritten, dass der paradiesische Zustand einer von dieser Bürde befreiten Gesellschaft in greifbare Nähe rückt. Das einzige, was fehlt, ist eine entsprechende gesellschaftliche Ordnung, welche die aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossenen Personen materiell zu versorgen weiß, ohne dabei den Staatshaushalt zu ruinieren.


Im Staat der „neuen Sklaven“ übernehmen Roboter und Automaten die Hauptarbeit. Daneben gibt es zwei gesellschaftliche Klassen, die Denker und die Verbraucher. Erstere leisten die intellektuelle Führung, sowohl auf politischer als auch wissenschaftlicher und künstlerischer Basis. Die Verbraucher aber sorgen für den notwenigen Wirtschaftskreislauf. Mit einem garantierten Einkommen werden sie vom Staat versorgt und haben gleichzeitig die Möglichkeit, Aufgaben wie die Kontrolle der Roboter, sowie kleinere Reparaturen zu übernehmen. Zwischen den beiden Klassen besteht keinerlei Konkurrenz oder Missgunst. Jeder Mensch kann sich, seinen persönlichen Neigungen entsprechend, jederzeit für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden.




Die neuen Sklaven – eine Realutopie


Amos Nanteck ist drahtig und sehr agil. An diesem spätsommerlichen Morgen, die Sonne wühlt sich rotgesichtig aus dem großstädtischen Dunst, joggt Nanteck mit seinem handlichen Laufcomputer schon die zweite Runde. Jeden Tag vor dem Frühstück macht er so seine 10 km. Wenn er sich dann gegen 7 Uhr auf den Rückweg begibt, schaut er zur Freude seiner neuen Freundin meist kurz beim Bäckerautomaten vorbei.

Nanteck krempelt seine langen Ärmel hoch, hebt seinen linken Fuß, schnürt den Turnschuh, der beim Laufen aufgegangen ist und hüpft ein paar Mal auf der Stelle. Kräftig atmend wischt er sich den Schweiß aus dem glatten, glatt rasierten Gesicht, streicht das nussbraun-volle Haar aus der Stirn. Langsam beruhigt sich sein erhitzter Kreislauf wieder: sportlich und gesund – das ist Amos Nanteck. Genau wie all seine Freunde. Mit grauen Strähnchen hatte er nur Anfang Fünfzig zu kämpfen.


Nach kurzem Überlegen tippt Amos auf dem interaktiven Bildschirm das Piktogramm „Schrippe“, die Zahl „2“ und das Piktogramm „Vollkornbrötchen“. Antennen zerkratzen den neugeborenen Morgenhimmel. Amos schwenkt seine elektronische Bürgerkarte unter dem Laser durch, spricht als PIN seinen Namen in die Sprechanlage und empfängt das Backwerk durch ein leise summend sich öffnendes Fach. So haben die Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts Geld am Bankautomaten abgehoben. Freundlich bedankt sich eine Frauenstimme für den Einkauf und wünscht ihm einen schönen Tag. Es ist eine ausgezeichnet aufgezeichnete Ansage. Amos reißt sich zusammen, um nicht aus Versehen zu antworten – die alte Generation tut sich zuweilen schwer mit der Anpassung.

Hinter der farbenfroh gestalteten Automatenfront herrscht ohrenbetäubende Stille. Heiß und zugleich eiskalt kneten Billigarbeitskräfte im Akkord. Die roten Sklaven rühren Teig, formen ihn zu Brötchen, Brot, Croissants. Die Bäckerei als Fabrik. Auf Fließbändern fährt das Brot in Richtung Backraum, wo computergesteuerte Roboter sie aufheben, in Öfen schieben, nach programmierter Zeit herausholen, auf ein anderes Förderband legen: auf ihm gelangen sie endlich in den Servicebereich, zum Verkauf. MacAllen steht als einziger Mensch dabei und beaufsichtigt das stille Geschehen – soweit ein von Stampfen, Rauschen, penetrantem Rasseln, Surren und Piepen erfüllter Maschinenraum als still bezeichnet werden kann. Heute ist er, der Hilfsingenieur MacAllen, für den reibungslosen Ablauf des Bäckereiprozesses zuständig und führt so auch gelegentliche Reparaturen an den Robotern aus. In der Sprache setzt sich allerdings allmählich der wissenschaftliche Fachbegriff Noviserv, „neue Sklaven“ durch. „Roboter“ klingt einfach zu negativ, zu stupid, zu sehr nach Fronarbeit. Für größere Reparaturen werden professionelle Techniker herangezogen. MacAllen ist Verbraucher.


Im Gegensatz zu anderen Betrieben arbeiten Backnoviservs nicht Tag und Nacht durch; deshalb hat MacAllen nur sechs Kollegen. Jeder von ihnen schlüpft zweimal pro Woche für fünf Stunden freiwillig in den Blaumann. Schäfchenwolken schweben rosarot über dem anbrechenden Tag. Der Betrieb versorgt einen ganzen Stadtteil.

Amos hält sich die frischen Brötchen unter die Nase, bevor er weitergeht: warm dringt der Duft durch die knisternde Tüte. Die geringe Vibration unter seinen Füßen nimmt er kaum wahr. Unterirdisch braust ein lokomotivführerfreier Zug im Vakuumtunnel mit 650 km/h durch. Berlin-Paris in anderthalb Stunden. Über allem steht dünn und zerbrechlich eine verblassende Mondsichel. Bald wird die Sonne sie mit ihrem allmächtigen Licht überstrahlen.

Entspannt trabt Amos heim zu Disenija. Sie gehört zum Stand der Denker. Als Managerin arbeitet sie für den gigantischen Hippokrates-Konzern, der unter anderem das Anti-Aging-Gen Praeventio in praktischer Pillenform weltweit vertreibt. Es schaltet das latent drängende Alterungsgen aus, welches sich spätestens ab dem 30. Lebensjahr bemerkbar macht. Übrigens schon ganz zu Anfang des Jahrhunderts haben Forscher der Uni Freiburg den Übeltäter als SGK-1-Gen, „das bei allen Lebewesen die Alterung steuert“, dingfest gemacht.

Flächendeckend nimmt die Bevölkerung neben dieser, von der Krankenkasse übernommenen Behandlung, zusätzlich eine regelmäßige, die allgemeine Vitalität steigernde Stammzellentherapie wahr – meist schon vor der so genannten „30er-Schwelle“. Diese beiden Methoden kombiniert, halten die Menschen über mehrere Dekaden hinweg auf gleich hohem Niveau. Falten, graues Haar, Cellulite und Krampfadern sind zu Fremdwörtern geworden, die höchstens noch in historischem Kontext Verwendung finden. Disenija kann sich nicht beklagen. Die Medizin ist ein dankbares, mit ständig wachsenden Umsatzzahlen gesegnetes Segment.


Zwischen einem Lied und der Zeitung brüht sie Filterkaffee, deckt den Tisch, freut sich auf Amos. Ob er an die Brötchen gedacht hat? Noch vor ein paar Wochen machte sie sich schwere Sorgen um ihn. Ständig vergaß er Dinge, ließ sie beim Candlelight-Dinner sitzen und redete wirres Zeug. Lange hätte sie es nicht mehr ausgehalten, schon schaute sie sich nach seinem Nachfolger um – bis auf der Poststation die Alzheimerdiagnose eintrudelte. Wie ein Geschenk des Himmels erschien ihr der Befund: also kein psychischer Defekt, nur eine Nervensache – nach zwei Wochen Therapie war Amos wieder ganz der alte. Mit seinen über 90 Jahren fühlt er sich ohnehin noch viel zu jung zum Sterben. Dabei ist Sterben zu einer ganz einfachen und schmerzfreien Sache geworden. (Die Operation wird per Spritze zu dem Zeitpunkt eingeleitet, in dem keine Behandlungsmöglichkeiten mehr bestehen, in dem der körperliche Verschleiß zu weit vorangeschritten ist.) Mit AlzAway, dem Medikament, das ein Wiederaufleben der Krankheit verhindert, hat Amos jetzt wieder eine deutlich gesteigerte Lebenserwartung. Mindestens 60 Jahre werden ihm von ärztlicher Seite zugesichert.


Vorbei an der vollautomatischen Straßenreinigung, den Fahrkarten-, Getränke-, Snack-, den Konzertkarten- und Zigarettenautomaten, passiert der restaurierte Greis die personalfreie Laden- und Restaurantgalerie. Am Haus angekommen fährt er sich aufgeregt durch das glänzende Haar. Kritisch prüft er sein Auftreten. Seiner Liebsten will er nichts als gefallen. Er zögert. Dann: Daumen auf Scan. Tür springt mit freundlichen Begrüßungsworten auf. Bei seinem Anblick entwindet sich Disenijas Stimmorgan ein Stoßseufzer der Erleichterung, ihr Herz beginnt zu rasen wie 1000 Helikopterpropeller. Vor Freude entreißt sie ihm die Brötchentüte: alles da! AlzAway, ein Produkt ihres Konzerns, hat angeschlagen! Sie fällt Amos um den Hals. Gute Testergebnisse sind für sie wertvoller als Gold. Sie sichern ihre Position als führende Denkerin. Amos dagegen gehört wie der Hilfsingenieur MacAllen dem nicht weniger angesehenen Stand der Verbraucher an. Seine Hauptaufgabe ist es, Produkte zu verbrauchen. Damit gehört er zur großen Masse des Volkes.

Aber wie ist es zu dem radikalen Ständestaat gekommen? Dazu muss ein Blick zurück, auf den Anfang des Jahrhunderts, geworfen werden.


In einer dramatischen Übergangszeit weltweit wachsender staatlicher Verschuldung, die bis zur totalen Handlungsfähigkeit u. a. Japans, ganz Afrikas, den USA und Deutschlands geführt hat, stand die Welt kurz vor dem Krieg der Kontinente, vor dem animalischen Kampf um lebenswichtige Ressourcen, um Wasser, Öl und Phosphat. Alles schien verloren.

Alles? Nein, ein kleiner Haufen visionärer Geister leistete dem Verderben unerbittlichen Widerstand und sorgte so für den rettenden sozialen Quantensprung: dieses Kollegium unterbreitete den führenden Wirtschaftsnationen ihr Konzept einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf der Basis modernster technischer Entwicklungen.

Im Wesentlichen handelte es sich freilich nur um die konsequente Radikalisierung bereits bejahrter Trends. Doch was war geschehen? Wie sah die Weltlage aus, kurz vor dem Crash? Kurz formuliert lautete das Problem: die Menschen waren überflüssig geworden. Nicht alle, aber ca. achtzig von hundert. Die konnten ja nicht einfach beseitigt werden, dann wären bald von den verbleibenden zwanzig wiederum sechzehn zuviel gewesen, usw. Ein Teufelskreis, aus dem nur mit versammelter Energie ausgebrochen werden konnte. Das damalige Problem ist also klar.


Astronomische Arbeitslosenzahlen bereiteten den demokratischen Politikern chronisches Kopfzerbrechen auf Legislaturperioden-Basis, den Stammtischen lokal Halsschmerzen, den versammelten Volkswirten aber, und das war das Schlimmste, globale Migräne. Vorhänge wurden resigniert gezogen, Eispakete zur Kühlung akut überhitzter Gemüter aufgelegt, Aspirin geschluckt, Plakate geklebt – nichts half. 2015 dämmerten knapp 30% der westeuropäischen Bevölkerung in staatlich gepumptem Müßiggang, weitere 50% wurden in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt. Die Staatskassen waren leer. Es musste etwas geschehen.


Viele stellten sich natürlich schon zehn Jahre vor der zugespitzten Krise, im Jahre 2005, Fragen wie: Warum sich vor DB-Schaltern in Dauerschlangen stellen, wenn am Automaten 5€ gespart werden können? Warum sich am Kiosk von einem schlechtgelaunten Verkäufer die Stimmung verderben lassen, wenn es doch bei selecta doppelt so schnell geht? Wozu sich in Apotheken die Blöße geben, wo doch ebenso sichere Condomaten in nächtlichen Gassen aufwarten? Wer vereinbart beim Fotografen einen teuren Termin für ein Passfotoshooting, seitdem es Fotofix gibt? Weshalb zum Flughafen oder ins nächste Reisebüro sich bewegen, wo man alles übers Internet buchen kann? Und wer ist so dumm, dass er seine Telefonleitung in einer Filiale ändern lässt? – online halbiert sich die Gebühr. Aber die Zeitung? Die lese ich am liebsten „auf Leitung“! Und meine gesellige Runde am Abend ersetzt mir die Satellitenschüssel auf dem Balkon. Diese Fragen wurden in aller Konsequenz weitergedacht und führten schlussendlich zu den erstaunlichen Ergebnissen, die Amos an diesem spätsommerlichen Tag fast schon für selbstverständlich hält.


Nach dem Frühstück begleitet Amos seine Freundin zur Metro. Das Modell der Linie 14 in Paris hat sich global durchgesetzt. Ferngesteuert. Videoüberwacht. Heute. Sie fährt in den Konzern und er zur zentralen Brief- und Paketabholstation. (Private Briefkästen haben sich irgendwann einfach als zu kostenintensiv erwiesen, die Programmierung der Noviservs dagegen als noch nicht ausgereift für diese Art intelligenter Fortbewegung. Nur langsam werden in dieser Branche neue Erfolge erzielt. Gleichzeitig sorgt dieses Prinzip aber auch für eine gewisse regelmäßige Beschäftigung der Verbraucher. Regellosigkeit und Langeweile ist schließlich Gift für die menschliche Seele, das wurde schon früh erkannt.)

Auf dem Weg zur BPA-Station zieht Amos sich einen Coffee-to-go am Getränkeversorger und schaut im Musikpod vorbei. Aus kleinen, weißen, glänzend lackierten Geräten gelangt dort die Musik über Kopfhörer in die Gehörgänge des Menschen. Nach Stilrichtungen geordnet, befinden sich in jedem Gerät mehrere hundert Alben der verschiedensten Bands und Orchester. Was ihm gefällt, was der Mensch nach Hause nehmen will, das markiert er, zieht seine elektronische Bürgerkarte unter dem integrierten Laser durch – und zuhause kann er es fest auf seiner Musikanlage speichern. Die Karte dient dabei mit rund 1.000 GB Speicherkapazität gleichzeitig als Bezahl- und Datenspeichermodul, als Bibliotheks-, Videotheks- und Personalausweis. Gegen Missbrauch schützt die Verbindung mit wahlweise dem Klang der Stimme oder den biometrischen Daten. Meistens wird die Iris gescannt, aber auch der Daumenabdruck hat seine Bedeutung nicht eingebüßt. Missbrauch ist unmöglich. Und zur Abschreckung steht er als einziges Kapitalverbrechen unter Todesstrafe. Amos hat schon lange nicht mehr in seiner Westentasche nach Kleingeld gewühlt. Das Bargeld wurde gleich zu Beginn der neuen Ära als veraltet eingestuft und abgeschafft.


An die darauf folgende, plötzlich sprunghafte Zunahme von Automaten und Robotern hat Amos sich anfangs natürlich etwas gewöhnen müssen. Seine Freundin, die so alt wie sein jüngstes Kind ist, hat das alles schon nicht mehr miterlebt. Mittlerweile kann auch Amos sich kaum noch an die alten Zeiten erinnern. Wenn er darüber zuweilen ins fabulieren gerät, dann starren ihn seine Urenkel mit entgeisterten Kinderaugen an – sie können sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass einmal lebendige Menschen hinter Theken gestanden haben sollen. Und bereits seine eigenen Kinder saßen noch Daumen lutschend im Buggy, als sie dies zum letzten Mal erlebten. Die Erinnerung daran erscheint ihnen wie ein blasser Schatten, wie ein längst vergangener, irrationaler Ausrutscher der Menschheit. Als so skandalös wie menschenunwürdig empfinden sie, was früher grauer Alltag war. Man behandelt diese Problematik im Geschichtsunterricht und ist schockiert, wie inhuman die Jahrhunderte vor dem 21. waren. Menschen, die Automatenarbeit verrichten – das gibt es jetzt nur noch in gewissen, rückwärtsgewandten Sekten. Aber das stört niemanden. Es ist kein totalitärer Staat.


Amos entscheidet sich für Beethovens neun Symphonien, interpretiert von den Berliner Philharmonikern, eine Aufnahme aus dem Jahre 2074. 25 Punkte werden von seiner Karte abgebucht. Es ist eine teure Einspielung mit hoch bezahlten Musikern. Wie Manager, Politiker, Ärzte, Künstler, Designer, Lehrer, Wissenschaftler und Ingenieure gehören sie zum Stand der Denker. Sie verdienen das Vierfache eines einfachen Verbrauchers. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, ihre harte Arbeit werden damit entsprechend gewürdigt. Doch die Denker verdanken ihre Gewinne nicht allein ihrer Arbeitskraft, sondern zum größten Teil der Kaufkraft der Verbraucher. Ohne sie wäre ihre Arbeit müßig. Dies müssen sie im Staat der neuen Sklaven honorieren. Sie erhalten nicht mehr, für einfache Menschen, undenkbar hohe Summen, sondern stellen den Hauptteil ihres in materiellen Gewinn umgewandelten, geistigen Gutes dem Staat zur Verfügung. Aus diesem Pott werden, wie schon in den Staaten alter Prägung, die laufenden Kosten, wie Straßenbau, innere Sicherheit, Bildung und Rüstung, gedeckt; zum anderen Teil aber wird ein beträchtlicher Betrag den Verbrauchern zur Generalversorgung zugeteilt. Die Idee eines garantierten Einkommens für alle wurde übrigens bereits im 20. Jahrhundert durch den Psychoanalytiker und Sozialphilosophen Erich Fromm geprägt. Im Gegensatz zu Fromm kommt in diesem Staat hinzu, dass die Verbraucher regelrecht dazu gezwungen werden, ihren finanziellen Spielraum auszureizen – nicht ausgegebenes Geld verfällt. Dadurch bleibt der Wirtschaftskreislauf in Schwung, die Verbraucher können nur „rückwärts“ sparen.

Die zentrale Umverteilung des Geldes berücksichtigt die Tatsache, dass es in dieser hochtechnisierten Welt nicht Arbeit für alle Menschen gibt. Ehemals körperliche Arbeiten werden nun ausschließlich von Noviservs verrichtet. Dieses System hat sich wie von selbst, durch seine überzeugenden Vorteile gegenüber menschlicher Lohnarbeit, durchgesetzt. Noviservs sind absolut zuverlässig und arbeiten bis zu 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Sie haben kein Anrecht auf bezahlten Urlaub, sondern sind ständig vor Ort. Sie liegen nicht monatelang im Krankenhaus, bleiben nicht wegen eines kleinen Schnupfens zu Hause. Sie streiken nicht, und wenn, dann nur aufgrund technischen Versagens, welches von einem Ingenieur leicht behoben werden kann. Sie gehen nicht in Rente, sondern werden verschrottet, recycelt und zu neuen Noviservs gepresst. Mit einem einmaligen Anschaffungspreis und den minimalen Unterhaltskosten sind sie konkurrenzlos günstig. Die Vorzüge der Noviservs gegenüber Menschen sind offensichtlich.


Es war nur eine Frage der Zeit, bis das System der neuen Sklaven seine konsequente Umsetzung fand. Mit ihm bestätigt sich überdies eine mehr als 2300 Jahre alte These: Schon Aristoteles wusste, so paradox es auch klingen mag, dass es ohne Sklaverei keine Freiheit gibt. Sie ist sogar eine notwendige Einrichtung, „(...) denn es bedarf der Muße, damit die Tugend entstehen und politisch gehandelt werden kann.“ Anders ausgedrückt kann der Mensch, Aristoteles zufolge, seine Fähigkeiten erst dann voll entfalten, wenn andere ihm die Mühsal des reinen Überlebens abnehmen. In diesem Fall sind das die Automaten und Roboter. Damit die materielle Wertschöpfung der Noviservs aber sinnvoll ist und damit die menschliche Freiheit lebbar, braucht es eine finanziell starke Verbraucherschicht. Dies geht nur mit dem garantierten Einkommen.


Um die anfallende Arbeit, welche nicht oder noch nicht den Noviservs anvertraut werden kann, unter den Menschen zu verteilen, wurde die menschliche Gesellschaft in die beiden bereits vorgestellten Klassen geteilt, Verbraucher und Denker. Bei letzteren handelt es sich um hoch ausgebildete, kreative Köpfe. Sie leisten die geistige Arbeit, gleich ob als Physiker oder Schriftsteller.


Die Verbraucher dagegen sind möglicherweise ebenfalls sehr gut ausgebildete Personen, die aber weniger von Ehrgeiz und Geltungsdrang vorwärts gepeitscht werden, die sich mehr auf Familie, persönliche Entfaltung, alltägliche Vergnügungen und Hobbys konzentrieren wollen. Darüber hinaus arbeiten viele von ihnen in dem bereits besprochenen eingeschränkten Rahmen von ca. zehn Stunden pro Woche. Die meisten Aufgaben fallen dabei in der Kontrolle der Noviservs an, weshalb viele Verbraucher eine technische Ausbildung durchlaufen. Dabei gilt die schon zu Anfang des Jahrhunderts z. B. im Leipziger BMW-Werk gültige Regel: „Die computergesteuerten Roboter übernehmen die Arbeit, der Mensch kontrolliert.“


Eine weitere einfache Aufgabe besteht im Auffüllen von Automaten. Zudem schätzen es Amos und Disenija, sich von echten Menschen die Haare schneiden zu lassen und gönnen sich damit einen wahren Luxus. Sie fürchten sich, wie andere auch, aber natürlich völlig unbegründet, vor einer aggressiven Fehlprogrammierung, denken dabei in irrationalen Kategorien. Ein Roboter mit Scherenhänden in der Nähe der Halsschlagader...

Nachdem Amos auf der Packstation fünf handschriftliche Briefe und ein Päckchen aus Amerika abgeholt hat, schaut er sich nach einem neuen Anzug um. Das ist ganz einfach und bequem. Am liebsten geht er zu Globusmoden, dort haben sie in ausgesuchtem Ambiente die beste Männermode der ganzen Stadt. Amos tritt durch die automatische Glastür, streift durch den in warmes Licht getauchten, mit Lindenholz getäfelten, personalfreien Raum, um sich dann ausmessen zu lassen. Er zieht den Vorhang zur Scankabine, legt seine alten Kleider ab und aktiviert den Knopf, woraufhin seine gesamten Körpermaße sekundenschnell ausgewertet und elektronisch verarbeitet werden. Die Daten speichert er auf der Bürgerkarte. Damit begibt er sich zum Verkaufsmodul und klickt, vergleichbar der Bäckerei, auf dem Bildschirm einige Modelle, kombiniert mit den gewünschten Farbtönen, an. Wie gewohnt zieht er die Bürgerkarte unter dem Laser durch, das Fach öffnet sich und spuckt mehrere Anzüge der passenden Größe aus. Freudig gespannt zieht er sich in eine der geschmackvoll eingerichteten Umkleidekabinen zurück, probiert und probiert, entscheidet sich schließlich für einen silbergrauen Einknopfanzug aus Schurwolle mit Seide von Sorobo. 500 Punkte. Das ist ein Monatseinkommen. Er entschließt sich daher zu einem 12-Monats-Laufvertrag. Die anderen Anzüge legt er wieder ins Fach. Sie werden zurückgebucht.

Langsam verspürt Amos ein schmerzhaftes Ziehen im Bauch, dem herzhaftes Knurren folgt. Amos hat Hunger. Am Italomaten holt er sich eine Pizza mista, schon immer sein Lieblingsgericht. Heiß brennt die Sonne auf den Asphalt. Es schmelzen die Eiskugeln der Kinder. Auf den nun anbrechenden Nachmittag freut Amos sich schon seit Tagen. Seine Enkelin wird mit ihrem neusten Kind vorbei kommen. Er hat es noch nicht gesehen, doch scheinen die Eltern mit dem Ergebnis bisher überaus zufrieden zu sein. Sie haben es bei BeautyBaby, einem der vornehmeren Labore, welches höchste eugenische Ansprüche zu erfüllen verspricht, entwerfen lassen. Fast alle Kinder werden jetzt in vitro nach den Wünschen der Eltern designt, mit Berücksichtigung von Haut- und Haarfarbe, Statur, Intelligenz und Gemüt. Diese können zwischen mehreren Begabungen wählen, u. a. musische, technische oder sportliche. Aus Rücksicht auf das Kindeswohl dürfen maximal drei zur Anwendung kommen. Diese Entwicklung wurde durch die ebenfalls gentechnologisch begründete, deutlich höhere Lebenserwartung von derzeit 150 bis 200 Jahren, befördert. Um eine Bevölkerungsexplosion zu verhindern, wurde die Zahl der Kinder pro Person auf ein Stück limitiert, d. h. ein verheiratetes Paar darf im Laufe der Zeit höchstens zwei Kinder entwerfen lassen. Viele fangen daher erst im Alter von fünfzig Jahren mit der Familienplanung an. Sie wollen sich das schönste Geschenk des Lebens aufsparen. Das Geschenk muss dann aber auch absolut perfekt sein.


An Ninas neuem Kind ist noch nicht viel zu erkennen. Es sieht aus wie alle Babys. Laut Prospekt soll aus ihm einmal eine bezaubernde, blonde, 172cm große Pianistin und Stabhochspringerin mit einer, vom Vater ausdrücklich erwünschten, Begabung für Biochemie werden. Amos, Nina und ihr Mann sitzen bei Kaffee und Kuchen bis um sechs Uhr auf der Terrasse. Sie reden über Gott und die Welt. Nur manchmal fühlt Amos sich ein bisschen herabgesetzt. Die ebenfalls schon designten Enkel von Amos machen sich oft über seinen biotechnisch komplett überholten Körper, seine nur durchschnittlichen Talente lustig. Vor allem seine Leberflecke an Arm und Bein sind immer wieder Anlass zu verletzenden Aussprüchen, denn sie gelten als geschmacklos, als Relikt aus primitiver Zeit. Keinem Kind wird so eine Bürde heutzutage zugemutet, und wenn es dennoch einmal unbedingt sein muss, dann nur bei zierlichen Mädchen als optimal platzierter Schönheitsfleck. Die meisten verzichten allerdings darauf, da so ein Fleck 100 Punkte extra kostet (um eine Schönheitsfleck-Schwemme zu verhindern). Fast ein wenig erleichtert ist Amos, als die drei von dannen ziehen. Den Abend verbringt er, bis zu Disenijas Rückkehr, lieber allein vor dem Fernseher.


Manchmal denkt er an diesen einsamen Abenden zurück an die Welt vor der Zeitenwende. Dann ist er sich manchmal nicht mehr sicher, ob die Menschheit ihre Technologien wirklich so fest in der Hand hält, wie sie es gern behauptet. Was etwa wird mit Ninas Kind passieren, wenn es sich auf einmal als unmusikalisch und in sportlichen Dingen als ganz und gar ungeeignet erweist? Wenn es nicht glattes, goldblondes, sondern strohiges, mausgraues Haar bekommt?


Meist enden die Gedankengänge jedoch in der Überzeugung, dass der Schulterschluss der Staatstheorie mit der Nano-, Gen- und intelligenten Robotertechnologie gerade noch rechtzeitig kam: in diesem Staat der Zukunft fusionieren antike Staatsvorstellungen eines Platon oder Aristoteles mit denen zeitgenössischer Wirtschaftshengste. Die beiden Zielrichtungen sind das Streben des Einzelnen nach Tugend, zum guten, zum vollkommenen Leben, andererseits aber die vollkommene Respektierung dessen, was dem Wirtschaftswachstum förderlich ist. Zwei Richtungen, die bis anhin unvereinbar schienen, gehen ineinander auf und ergeben ein Vielfaches der Summe ihrer Teile: den idealen Wohlfahrtsstaat. Hier hat jeder Mensch aus Fleisch und Blut, die Freiheit, sich zum Besten hin zu entwickeln. Früh am nächsten Tag hat Amos einen Termin beim Gerontologen. Zur Untersuchung, ob die letzte Stammzellentherapie gut anschlägt.


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