No risk no fun! Heute: Der Investmentbanker


Jobcenter – Versuch einer Anthropologie der modernen Berufswelt

Der Sohn übernimmt das Geschäft? Die Tochter heiratet? So einfach ist es schon lange nicht mehr! In Zeiten von Fachkräftemangel, Demographie- und Klimawandel weiß der Berufseinsteiger von heute oftmals nicht mehr, wo es einmal hingehen soll. Nicht jeder kann Popstar oder Plagiator*in werden. Deshalb haben wir es uns zum Ziel gesetzt, Alternativen aufzuzeigen. Wir haben uns mit Vertretern der verschiedenen Berufsgruppen unterhalten, vom Fitnesstrainer bis hin zum Friseur. Bei uns kommen sie unzensiert, ungeschönt und nicht ganz ernst zu nehmend zu Wort. Ja! so ist es und nicht anders!


Wenn es einen Traumjob gibt, dann ist das meiner hier. Investmentbanker, das Wort allein klingt doch schon wie eine Mozart-Sonate: In-Vest-Ment! Sensationell. Heute Mittag war ich zu einer Besprechung in Moskau. Es ging um den Kauf einer gepflegten Immobilie im Stadtzentrum, ein amerikanischer Anleger suchte etwas Sicheres, etwas, das bleibt. Wie hieß das noch mal? Ach, ja genau, Kreml. Angeblich unverkäuflich. Russen können stur sein, aber mal sehen. Wir bleiben auf jeden Fall dran. Nachmittags dann, zurück in London, investiere ich in dieses Familienunternehmen ... Amazon! Sobald ich einen Tipp bekomme, stoße ich den Kram natürlich wieder ab. Meine „Best-Insider-Friends“ sagen mir immer rechtzeitig Bescheid, ich ihnen genauso, und dann laden wir uns gegenseitig zum Essen ein (gestern bei Ludo in Hongkong gab's blanchierte Langusten an Trüffel-Kaviar, lecker!) oder wir mieten eine Saunalandschaft in Bukarest. Nee, die Kolleginnen müssen leider meistens schon vorher nach Hause.


Es gibt sogar solche, die Kinder haben. 0,75 bis 1,13 Stück sollen es im Durchschnitt sein. Mit denen müssen natürlich regelmäßig 10-15 Minuten Quality-Time verbracht werden, mit dem Kind oder den Kindern, je nach dem. Es sind Zeitfresser, sie kosten Geld. Ich habe sogar schon Stories gehört von Investmentbanker*innen, die sich wegen der Privatkitas, Nannys und Babysitter keinen neuen Lamborghini gönnen konnten. Tja. Selbstgewähltes Schicksal! Kinder erschweren oft die Karriere. Der Frauen. Klar, das geht alles von deren Arbeitszeit ab, deshalb verdienen sie auch 6,8 Prozent weniger, Bonus unberücksichtigt. Also in meiner Branche bin ich froh, ein Mann zu sein. Ja! so ist es und nicht anders! Es ist der ideale Job – volles Risiko bei Null Verantwortung. Ja, gut, ein Kollege in Paris hat doch neulich tatsächlich ein paar Milliarden verzockt, und wandert dafür wahrscheinlich sogar ins Gefängnis, obwohl er eigentlich gar nichts dafür konnte. Seine Chefs sag ich nur! Und dabei habe ich ihm noch gesagt, Mensch, Jérôme, übertreib's man nicht.


Ein paar Kumpels von mir ging es fast genauso, die haben allerdings meistens nicht viel mehr als ein paar Tonnen unterwegs verloren. Nein, nicht ihr Geld. Naja, von verschiedenen halt. Ein paar Firmen waren darunter, Staaten, potentielle Rentner. Alles querbeet. Ich mache auf jeden Fall weiter, solange es sich lohnt und ich ohne zu viele Betablocker auskomme. Einen kleinen Schrecken haben wir wegen des ganzen Crash-Stresses schon davon getragen.


Meine Ersparnisse lagere ich inzwischen unter der Matratze. In Gold- und Silberbesteck. Ein paar Diamanten. Zur Sicherheit. Ist ganz nebenbei multifunktional einsetzbar. Sehr praktisch. Sorry, ich muss jetzt Schluss machen, gleich geht mein Flieger nach Frankfurt, und zack, schnell noch meinen Goldlöffel eingepackt! Damit rühre ich am Terminal gepflegt meinen Coffee-to-go. YES!



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