Über das spannungsvolle Feld der Malerei: Ein Gemälde von Mandy Kunze

Aktualisiert: März 27

Beispiel für eine von mir im Auftrag einer Privatsammlung erstellten Bildanalyse:


Feldstudie 2 der Leipziger Malerin Mandy Kunze ist ein kleines Bild, das doch den Blick in eine weite Landschaft eröffnet. Goldene, reife Weizenfelder, die in der Sonne zu flirren scheinen. Eine kleine Landstraße. Wilde malerische Linien schlängeln sich über das Feld – es sind gleichzeitig die Spuren des Traktors, die bei der Bearbeitung des Feldes entstehen – als auch Elemente reiner Malerei. Sie zeigen nicht nur die Arbeit, die in einem scheinbar von selbst wachsenden und gedeihenden Getreidefeld steckt, sondern sie zeigen auch, wie ein Gemälde entsteht – nämlich mit einzelnen gezielt gesetzten Pinselstrichen. Während im Hintergrund die Vegetation nur anhand der Grundfarbe eines warmen Ockertones gemischt mit unterschiedlichen grünen und braunen Linien als Getreide interpretiert werden kann, ansonsten aber gänzlich abstrakt-flächig bis expressiv gemalt ist, so wurden die Pflanzen im Vordergrund von der Künstlerin zumindest teilweise deutlich als hochwachsende, grasartige Triebe ausdifferenziert. Aber auch hier sind viele Unklarheiten im Spiel: Die Farbe ist ein kühler, schwer in Worte zu fassender heller Grauton mit einzelnen wild und pastos gesetzten Farbtupfern (Rot, Braun, Hellgelb). Wieder sind es Farben und Strukturen, die so gar nicht in ein realistisch gemaltes Feld hineinpassen wollen.

Über der ganzen Szenerie steht ein strahlender Himmel. In das leuchtende Himmelblau aber mischen sich dunkelblaue und weisse Zonen. Diese farbliche Dynamik wird noch verstärkt durch zart gesetzte, zeichnerische Linien, welche ein hohes Gebirge am Ende einer großen Ebene nur skizzenhaft andeuten bzw. erahnen lassen. Auch aus perspek­tivisch-räumlicher Sicht ist das Bild sehr reizvoll. Ganz am linken Bildrand, extrem in die äußerste Ecke gerückt und nur angeschnitten sichtbar steht ein Straßenpoller. Zusammen mit dem dunkel aufragenden Strommast entsteht eine starke Diagonale, welche in das Bild hineinführt. Direkt visualisiert wird sie durch eine ausgeführte rotbraune Linie. Fast exakt kann sie bis zum oberen Ansatz des Pfostens verlängert werden. Sie sorgt für räumliche Tiefe als auch für eine sogartige Dynamik. Mittels der Straße und der Strommasten etc. wird die Landschaft aber auch in die Gegenwart geführt – sie zeigen, dass es sich um eine moderne Szene handelt.

Das Feld gibt es wirklich. Es wurde von der Künstlerin auf dem Weg von Leipzig nach Burgstädt, ihrer Geburtsstadt, entdeckt – unmittelbar zu dem Zeitpunkt, als sie sich gerade um einen Meisterschülerplatz beworben hatte. Zufälligerweise hat sie gerade einen Moment später eine SMS von Neo Rauch persönlich empfangen … Sie selbst bezeichnet das Bild entsprechend auch als „das spannungsvolle Feld der Malerei“, was natürlich viele Assoziationen hervorruft.


Kunsthistorische Bezüge

Thematisch erinnert die ländliche Szene stark an die französische Malerei des 19. Jahr­hunderts. Hier gibt es sowohl Reminiszenzen an den zunächst aufgekommenen Rea­lismus um die Schule von Barbizon mit der Erfindung der Freiluftmalerei bzw. „plein-air“, als auch den späteren impressionis­tischen Bildern von Feldern und Land­schaften vor allem Monets, zum Beispiel Sommer (1874), in der Berliner National­galerie. Der dynamisch-expressive Pinselduktus aber, ebenso wie der Bild­gegen­stand, erinnern auch stark an Gemälde von Van Gogh, wie etwa Gepflügtes Feld (1888) im Amsterdamer Rijks­museum.

Neben der Verbindung zur französischen Malerei des 19. Jahrhunderts bildet die Tech­nik des Gemäldes darüber hinaus eine Brücke zu den Anfängen der europäischen Tafel­malerei: Eitempera gehört zu den ältesten heute bekannten Farbmitteln. Die klassische Ölmalerei kam in Europa erst ab dem 15. Jahrhundert auf, während die Tempera während des Mittelalters dominant war. Heute wird die handwerklich anspruchsvolle, aber besonders alterungsbeständige Technik aufgrund ihrer Aufwändigkeit nur noch selten benutzt.


Biographisches: Die Künstlerin Mandy Kunze

Mandy Kunze (geb. 1978) orientiert sich in ihren Bildthemen an großen Meistern der klassischen Moderne, Claude Monet, Van Gogh, Picasso – das ist offensichtlich, wenn man sich ihre Interieurs und Landschaften anschaut. Mit ihrer teils übermäßig betonten Zentral­perspektive entwickeln ihre Bilder einen Sog, der den Betrachter unwillkürlich in das Bild­geschehen hineinzieht. Mandy Kunze hat dabei gleichzeitig eine ganz eigene Bild­sprache entwickelt, die sich am meisten in ihrem charakteristischen Pinselduktus zeigt. Sie setzt einzelne Striche, einzelne Farben extrem kontrastierend nebeneinander. Die Pinselstriche stehen bei ihr ganz für sich selbst, einzeln, sie sind stark und selbstbe­wusst, geradezu unabhängig, als führten sie ein Eigenleben – und müssen doch im Bild­ganzen funktionieren. Dies führt zu einer intensiven Spannung in ihren Bildern, sie wirken einerseits rau, sperrig, perspektivisch sogstark und andererseits motivisch harmonisch.



Mandy Kunze

Feldstudie 2, 2012,

Eitempera auf Pappe,

29,5 x 39,5 cm

Privatsammlung


Bildnachweise:

Feldstudie 2 © Mandy Kunze

Monet: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders.

Van Gogh: Van Gogh, Bd. 2, 1989, S. 418, Foto Marburg.


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