Wer die Hosen anhat. Heute: Die Gabelstaplerfahrerin

Aktualisiert: März 27


Jobcenter – Versuch einer Anthropologie der modernen Berufswelt

Der Sohn übernimmt das Geschäft? Die Tochter heiratet? So einfach ist es schon lange nicht mehr! In Zeiten von Fachkräftemangel, Demographie- und Klimawandel weiß der Berufseinsteiger von heute oftmals nicht mehr, wo es einmal hingehen soll. Nicht jeder kann Popstar oder Plagiator werden. Deshalb haben wir es uns zum Ziel gesetzt, Alternativen aufzuzeigen. Wir haben uns mit Vertretern der verschiedenen Berufsgruppen unterhalten, vom Fitnesstrainer bis hin zum Friseur. Bei uns kommen sie unzensiert und ungeschönt zu Wort. Ja! so ist es und nicht anders!


Meinen heutigen Mann habe ich im Betrieb kennengelernt. Er heißt Otto. Der Mann. Nicht der Betrieb. Den Namen von dem Betrieb nenn´ ich nicht, sonst gibt’s mal wieder nur Ärger. Ich bin da so rumgefahren mit meinem Gabelstapler, Paletten sortieren und auf den Laster bringen zum Abtransport war angesagt. Wenn ich so eine Palette aufgeladen hab, dann geb ich immer mal so richtig Gas und rase durch die Lagerhalle. Wir machen auf Autos. Teile von Autos. Zusammengebaut wird woanders, also in einer anderen Halle, ist doch ganz klar. 
Ich rase also um die Ecke, und da sehe ich also den Olaf. Das war der Neue. Das hat sofort gefunkt. Ich, seine Vorarbeiterin, das blieb dann auch zuhause so. Als das Kinde kam, ging er für acht Monate in Elternzeit, ich nach nem halben Jahr wieder in den Betrieb. Wer mehr verdient, muss eben auf Arbeit, ist doch ganz klar. Ich wiege mehr als so een Model, das liegt am vielen Sitzen. Klar, meinen Gabelstapler lasse ich nicht gern allein, das ist mein Baby (neben dem Jamie Lee Klaus, ein Jahr alt).


Im Gesicht hab ich rote Äderchen. Die scheinen aufzuplatzen, sieht aber nur so aus. Ich bin kräftig. Mich haut nichts so schnell vom Hocker. Stechuhr? Ja, das ist nervig, aber wir dürfen auch mal Pause machen. Für mich ist das mit das Wichtigste. Mal in Ruhe pinkeln. In Ruhe ne Stulle kauen oder ne Bockwurst, ganz egal. Wobei ich schon sagen muss, es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ich esse zum Beispiel mehr Gemüse als meine Kollegen, jetzt nur mal zum Vergleich. Dafür rauchen die mehr, dann gleicht sich das eigentlich aus. Von Gleichberechtigung halte ich nicht so viel. Was soll das denn bringen? Dass ich mit auf die stinkende Herrentoilette soll? Nee danke, da verzichte ich gerne auf Emanzipation. Das heißt ja nicht, dass ich einen rosa Blaumann tragen muss. Nee, von „Rosamann“ hab ich noch nix gehört, sagt mir nun echt nichts. Ob ich nicht von der Emanzipation profitiert hätte? Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Ich habe immer schon als Gabelstaplerin gearbeitet. Mir gefällt meine Arbeit. Ich habe ne Draufsicht auf die Dinge, geordnete Arbeitszeiten und ich habe das Gefühl, etwas zu bewegen.

Ob mein Job krisensicher ist? Ich denke mal schon. Die Zulieferteile für die Autohersteller müssen doch immer von A nach B gefahren werden. Ja! so ist es und nicht anders! Von daher mach ich mir da jetzt mal nicht so große Sorgen.





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