Venezia. Das Herz in der Tasche

Ein trauriger Reisebericht und broken heart story



Pietro, der Mann, an dessen Seite sie bis soeben händchenhaltend und sich gegenseitig romantische, verliebte Blicke zuwerfend über die Piazetta di Leoncini an der Basilica San Marco vorbei auf die Piazza di San Marco schlenderte, sprintet aus dem Stand los. Nichts begreift sie. Gerade hatten sie noch zärtliche Küsse getauscht, aber jetzt sieht sie nur noch, wie er mit einem harakiresken Sprung in eine am Canal Grande versteckt wartende venezianische Gondel hechtet. Sie ist motorisiert. Mit Speedmotor. Präpariert. Schäumende Gischt, ein Zischen, Spritzen und Schleudern.


Die Gondel rast davon. Weg. Kein Blick zurück, ein einziges Nachvorneschauen. Der Bug hebt sich, hält dem Wasserdruck gerade so stand. Die Piazza mit ihren unend­lich vielen gefräßiggrauen Tauben, der prächtige Dom. Der Marmor, die Mosaiken, das Gold – alles nur Fassade. Vanitas. Nie erschien ihr das Herzstück Venedigs so trist und leer, so entbehrend jeglicher Bedeutung wie in diesen gestohlenen fünf Sekunden. Viel mehr Zeit nahm das Spekta­kel nicht in Anspruch. Das Herz aber, ihr Herz – war weg. Für. Immer. Weg. Ihr Herz.

Kurze Zeit später, es klingelt. Ein Anruf auf dem Mobiltelefon, eine italienische Num­mer, die Nummer von Pietro! Endlich! Sie seien gleich zurück, er und sein Boss, sie sol­le warten, sie müssten nur kurz etwas erledigen es sei etwas dazwischen gekommen ein wichtiger Termin ein Meeting sie solle jetzt bitte schön ganz ruhig bleiben ja alles in bester Ordnung nein alles gut sie brauche sich doch jetzt nicht so aufregen sie wolle doch jetzt nicht etwa hysterisch werden was ist mit ihren Nerven los.


Sie wartet. Sie werden zu­rück kommen. Geht ja nicht anders. Sie glaubt fest daran. Alles gut haben sie gesagt. Ruhig bleiben. Warten. Sie kommen gleich wieder. Weitere zehn Minuten später und wieder klingelt das Tele­fon. Wo sie sei?! Mit wem?! Warum sie einfach gegangen sei? Aber wie was? Sie war es doch, die stehen geblieben ist, an Ort und Stelle wie festgemauert, und sie waren es doch, die plötzlich mit der Speedgondel davongerast waren, oder hatte sie einen Denkfehler. Sie solle in das Hotel am anderen Ende der Stadt fah­ren! Wenn sie es aber nicht innerhalb von zwanzig Minuten schaffe, dann wäre ihr Herz für immer weg !!! Daher solle sich beeilen und sich auf direktem Weg dorthin begeben. Ob sie auch nicht die Polizei verständigt hätte?

Auf einmal spürt sie eine klaffende Leere in ihrer Brust. Seltsamerweise zieht und schmerzt es sie in der Lendengegen, dort wo eigentlich alles komplett sein müsste. Als hätte man ihr nicht nur das Herz, sondern gleich auch ihre Gedärme, ihren Magen und ihre Nieren mit herausgerissen. Das war sicher Einbildung. Etwas stimmt mit ihrer Wahrnehmung nicht. Das konnte ja unmöglich geschehen sein. Sie musste es geträumt haben. Irgendwas stimmte hier nicht. Warum war er auf einmal weggerannt?! Sie öffnete die Tasche, in der das neue, das bessere, das größere, das reinere Herz sein sollte, das sie zum Tausch annahm. In der Tasche aber war statt einem warm pulsierenden Organ nur

Spielgeld. Alles Spielgeld, Faksimile mit dem großen, bunten Aufdruck: „Disneyland! Facsimile“. Daneben eine breit grinsend thronende Mickey Maus. Haha. Eben noch hatten sie und der aus bestem Hause zu stammen scheinende junge Mann, der sich als Pietro Amidei di Firenze aus einer alteingesessenen toskanischen Bankiersfamilie vor­gestellt hatte, sich angeregt unterhalten. Er hat sie nach ihrer Familiengeschichte ge­fragt, ihren Geschwistern, ihren Lebenszielen, ihren Sehnsüchte und Wünsche. Und sie dachte schon, das wird jetzt aber doch ein bisschen zu persönlich. Dennoch erzählte sie frei heraus. Ihre Mutter, Sophia, war viel zu früh gestorben, da war sie erst dreizehn, der Vater dagegen war stadtbekannt, belächelt und bewundert zugleich; für sein ausuferndes Liebesleben – an dem die Mutter letztendlich zerbrochen sein muss. Grenzen kannte er keine. Wenige Zeit später führt der Vater dann eine Schulkameradin der älteren Schwes­ter als neue Stiefmutter ein. Die erwachsenen Kinder müssen sich übergeben, als sie die zerwühlten Bettdecken entdecken müssen und fragen sich denkst du auch was ich denke. Seit früher Kindheit geht die zukünftige Stiefmutter und neue Hausherrin also in dem Hause ein und aus. Einfach nur widerlich.

Nun sollte ihr das Gleiche passieren?! Nein, sie würde nicht an gebrochenem Herzen sterben wie ihre Mutter, sie würde kämpfen und es sich zurückholen! „Carabinieri! Ich bin bestohlen worden, Hilfe!“ Zitternd nimmt sie Platz in einem Straßencafé auf der Piazza di San Marco. Steht knöcheltief unter Wasser, das dreißigste Mal schon in diesem Jahr. Es wird immer öfter. „Man hat mir mein Herz entrissen!“ sagt sie zu den beiden Kellnern. Aber wie konnte das passieren? Warum haben Sie es offen auf der Straße, und dann noch in einer Tasche mit sich herumgetragen?! Signorina, das macht man doch nicht. Sein Herz muss man schützen. Das lässt man doch auf der Bank! Im Tresor! Bitte beruhigen Sie sich junge Frau! Wollen Sie nicht erst einmal etwas trin­ken?! Sich ein wenig beruhigen? Hier, ein Glas Wasser. Und ein Espresso Doppio mit extra viel Zucker. Nein, doch ohne Zucker. Mit Zucker. Unendlich lange Zeit lassen sich die Carabinieri, bis sie endlich da sind. Die goldene Kassettendecke des Café Florian drückt ihr immer schwerer in den Nacken, die glänzenden Spiegel machen sie wahnsinnig. Sie zittert immer stärker. Warum hatte sie das getan? Wie konnte sie nur so blauäugig das Wertvollste, was ein Mensch nur besitzen kann, sein Innerstes, seine Seele, sein Herz, wildfremden Menschen anvertrauen? In einer Tasche zur Prüfung überreichen? Sie, die mit Einsermatura die Schule und anschließend an den besten inter­nationalen Universitäten, an der Sorbonne, in Harvard und Zürich Wirtschaftsinfor­matik studiert und noch einen MBA drauf gesetzt hatte. Sie! Warum! Sie war natürlich davon ausgegangen, dass sie Pietro kennt, aber das schien sich in der von Minute zu Minute mehr zerrinnenden Zeit als Irrtum herauszustellen. Was man ihm lassen muss: Er hatte ihr definitiv das Gefühl gegeben, sie könne ihm vertrauen.

Bewaffnet und mit Sicherheitswesten ausgerüstet betreten sie ruhig aber entschlossen das Café, stellen wenige Fragen. Herz. Weg. Cosa fai? Kommen Sie mit! Sie rasen mit der Barca di polizia über den Canal Grande unter der Ponte di Rialto durch und an den stolzen, marmorverkleideten Palästen, der Galleria Giorgio Franchetti alla Ca' d'Oro vorbei zum vereinbarten Treffpunkt. Signorina, aber wir machen Ihnen wenig Hoffnun­gen. Das gibt es heute immer öfter. Es ist eine kriminelle Masche. Ein Trick. Eine stra­tagemma. Una banda criminale. Frode. Und das hier ist nur ein weiterer Baustein des Verbrechens. Die Täter wollen Sie ablenken und in die falsche Richtung lotsen, um Zeit zu gewinnen. Sie werden nicht kommen, glauben Sie uns. Wir bringen Sie trotzdem hin. Es kann ja sein, dass es sich um ehrliche oder um reumütige Schwindler handelt, oder es handelt sich einfach um einen Irrtum. Rechts abbiegen, hinein in einen kleineren Kanal. Die Polizei setzt sie drei Häuserecken früher ab, damit die Verbrecher keinen Verdacht schöpfen und beim Anblick der Carabinieri die Flucht ergreifen könnten. Aber am Sacca San Girolamo ist niemand. Natürlich kommen Pietro und der ominöse Capitano nicht und alles war umsonst. Niente. Als sie die Hände hebt, um ihr Kristallcollier zurechtzurücken, bemerkt sie erst, wie Blut zwischen ihren Fingern hindurch sickert. Es läuft an ihrer perlweißen Bluse hinunter als quellender Strom. Ihr ganzer Brustkorb ist aufgerissen. Warum war ihr das eigentlich nicht früher aufge­fallen. Und die Carabinieri schienen es auch für normal zu halten, die aufgefetzten Rippen, die heraushängenden Gedärme, die freigelegte Wirbelsäule. Aber schlimmer als das viele Blut ist diese triefende, sogartige, diese innere Leere in ihrer Brust, als wäre das Organ gegen ein Vakuum, der Rote Riese gegen ein Schwarzes Loch getauscht worden. Haben Sie Beweise, mit denen wir die Täter dingfest machen können fragt einer?! Ja, ein paar Handyfotos, ein Gesprächsmitschnitt und Fingerabdrücke. Er hat den Vertrag durchgeblättert. In dem stand, er würde sie respekt- und liebevoll, und immer zärtlich behandeln. Auf sie achtgeben. Ihr sein Herz schenken. Im Gegenzug würde sie ihm ihres geben. Sie würden ihre Herzen erst sorgfältig prüfen, auf Echtheit und auf Vollständigkeit hin untersuchen, und dann gegen etwas viel Besseres eintauschen: Gegen wahre Liebe.

Nun war aus dem Geschenk ein brutaler Raub geworden. Die Frau verblutete noch auf der Fahrt zum Krankenhaus. Die Täter wurden später durch Telefonüberwachung zeit­nah gefasst. Sie bekamen drei Jahre sowie eine Geldstrafe wegen schweren banden­mäßigen Betrugs. Die Frau aber hatte das Herz illegal eingeführt. Sie hätte es an der Grenze von der Schweiz nach Italien deklarieren müssen, dies aber versäumt, zudem hätte sie es nicht offen auf der Straße herumtragen müssen. Aufgrund dieser offensicht­lichen Mitschuld des Opfers wird die Strafe auf Bewährung ausgesetzt. Eine Gefängnis­strafe konnte nicht in Betracht gezogen werden. Herzen werden jeden Tag gebrochen, da ist nichts dabei. Das ist nichts Besonderes. Schulmädchenkram. Schon am nächsten Tag suchen sich Pietro, diesmal unter dem Namen Mario, und sein Komplize das nächste Opfer: Susan aus Venice Beach. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und glaubt an das Gute im Menschen. In diesem Falle ein tödlicher Fehler.

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