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Mailänder Gärten #Mace&Violetta


Es tobte und stürmte ganz gewaltig. Nach wochenlanger, die Erde versengender Hitze, schüttete der Himmel Güsse von Wasser zu Boden. Es dampfte und spritze, wenn die Automobile über die grob gepflasterten Straßen fuhren, welche die Regenmengen nicht annähernd fassen konnten. Die Menschen drängten sich an Hauswände und unter cremefarbene Sonnenschirmen, rauchten und tranken Acqua Minerale, Wein oder Espresso. Flüsse und Seen, Teiche und Lachen bildeten sich just in dem Moment, als Mace hinüber zum Supermarkt wollte, um eine Packung Pasta, Tomatensauce im Glas und ein paar Oliven einzukaufen. Nur mit Flipflops, Regenjacke und einer kurzen Hose bekleidet, welche die Knie und einen Großteil der schlanken Oberschenkel freiließ, huschte er die paar Meter von der Wohnung zum Laden hinüber. Zwischen all den wohlgekleideten, den Regen mit yogigleicher Miene stoisch betrachtenden Mailänderinnen und Mailändern in ihrem feinen Zwirn und den provokant glänzenden italienischen Lederschuhen wie ein seltsamer Zwerg aus einem hinter vielen Bergen liegenden Dorf zu fühlen. Keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, aus banal meteorologischen Beweggründen wie etwa brütender Hitze oder maximal geöffneter Himmelstore, auf Hemd, Jackett und die klassisch gerade geschnittene Gewinner-Anzughose mit französischen Taschen vorne und zwei Paspeltaschen hinten (ob nun mit oder ohne Bundfalte war hingegen relativ zweitrangig), zu verzichten, nein niemals beim Leben ihrer Mutter nicht. Shorts sind etwas für Touristen, für den Strandurlaub oder für durch die Fänge der Liebe geistig Umnachtete. Mace war ein Gast hier, klarer Fall. Er kam von dort, wo die Flüsse im Winter zufrieren und man mit Kind und Kegel auf den Seen eisläuft, wo Elche und Rentiere äsen und wo die Menschen in ihrer Freizeit angeln, jagen, mit dem Boot fahren oder Pilze sammeln. An ihnen, denen mit den Maßanzügen und den wogenden Kleidern perlte der Regen, die Nässe, der Schmutz einfach ab, während Maces Füße durch den immer dickeren Matsch wateten, bis sie irgendwann stecken blieben.

Ein zitronengelber Lamborghini aus Sizilien raste an dem mittelgroßen Mann vorbei und hüllte ihn unvermittelt in eine braunkrustige Schlammpackung aus Straßendreck, Feinstaubpartikeln und Blütenpollen. Kaum mehr zu sehen war er jetzt. Wie eine Bronzeskulptur, die hinausblickt zu den hängenden Gärten der Metropole, wo alles Schöne seine Quelle hat: die Mode, das Design, die Architektur. Die Stadt, in der Armani und Versace gegründet wurden, die Stadt der Fashion Shows, der Catwalks und des Luxus, die Stadt der Schönheit und des vollendeten guten Geschmacks hatte ihn, den Jungen aus den Fjorden, eingehüllt und eingelullt in die Auswüchse einer schlecht funktionierenden Kanalisation, die schon nach wenigen Minuten Starkregens überfordert war. Die Stadt als Garten, und er als sich in die Höhe streckender Baumstamm – schon hob ein Dackel sein Bein.

Mit aller Kraft entzog Mace als anvisierte Anlandestation seine Beine den ihn nach unten ziehenden Wasserstrudeln, und mit einem Satz gelang ihm der Sprung auf den rettenden marciapiede, den Gehweg, wie ihn die Italiener nennen, den Marsch, zu Fuß! Entsetzt. Barfuß und befreit von seinen, ein übel zweideutiges Geräusch erzeugenden Flipflops, führte ihn sein Weg weiter von der Via Moscova zum Parco Sempione. Wohin er niemals gelangte. Beim Blick zu Boden sah er ein gusseisernes Kanalgitter, welches keinerlei Bewegungsspielraum zuließ. Bis an den Rand war es mit erdigbraunem Wasser vollgelaufen. In diesem Moment fühlte er die nährende Fülle des Wassers an seinen bloßen Füßen. Wie ein Schwamm sog er es in sich ein, als wäre er ein Verdurstender in der Wüste, als wäre er ein sich nach Heilung sehnender Anorektiker auf Station, als wäre er ein Baum in einer von Trockenheit und Hitze geplagten Umgebung, deren Erde dürr, hager und von Hunden bekotet, nach Feuchte und Nährstoffen lechzend sich der kongenialen Kombination aus Sauer- und Wasserstoff hingebungsvoll öffnete. Nun regnete es also und das nicht zu knapp. Er sog, und sog, und sog. Woher stammte nur dieser unermessliche Durst? Dann zog er sachte an seinen Füßen, doch sie steckten verblüffend bleischwer in einer Mischung aus Sand, Kies, schwarzer Erde und Granit fest. Seltsam nur, dass ihn diese Schwere nun gar nicht übermäßig beunruhigte, im Gegenteil spürte er eine nie gekannte innere Ruhe in sich, ein Ankommen und eine tiefe Verwurzelung mit seiner Umgebung. Es war so lange so trocken gewesen und nun war es so, als habe er nach langer Suche endlich genau jenen Ort gefunden, an dem er alt werden wollte. Er blieb stehen, er trat nicht einmal auf der Stelle, nein, denn seine Füße fühlten sich an wie Wurzeln, die sich mehr und mehr in den einst so fruchtbaren Humus Mailands gruben.

Bis zu jenem Moment war Mace ein unhaltbarer, energiegeladener junger Mann, mittelkurze dunkelblonde Haare, blaue Augen, sportlich und ständig in schier rasendem Tempo auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst, nach Bestätigung, Learnings, Erfolg und Abenteuern. Er hatte soeben sein MBA-Studium abgeschlossen und sollte in Kürze einen spannenden, sehr gut dotierten Job in einer Führungsposition antreten. In Mailand war er nur kurz, bald würde sein Flieger nach San Francisco starten. Mace kam anderen oft ein wenig zu schnell für diese Welt vor, sie kamen seinen blitzschnellen, rasiermesserscharfen Gedankengängen nicht immer so richtig hinterher und kamen sich neben ihm dumm vor. So wie wenn der Schall ein Rennen gegen das Licht antritt, oder wie ein fetter Asteroid, welcher vom Riesenstern Beteigeuze zerschmolzen wird, oder wenn ein Untrainierter einen Marathon gegen Eliud Kipchoge laufen möchte, aber schon nach 400 Metern wegen Seitenstechen kapitulieren muss. So kam Mace in seinem Denken anderen Personen meist vor. So schnell, wie er kam, so war er oft auch wieder verschwunden.

Schräg gegenüber, hoch über ihm, da quollen die Balkone und Dachterrassen über von sattem Grün. Hinunter blickte Violetta, die Frau, die nur im Schreiben ganz sie selbst sein konnte. Und im Gärtnern. Jede ihrer Blumen hatte einen anderen Namen. Rosa. Margarita. Hedera, Arnica und Petunia. Doch am stärksten und anziehendsten wirkte immer noch der kräftig austreibende Efeu und die nach allen Seiten hin austreibenden Sukkulenten. Während sie die Muskatnuss bisher nur als quasi steinharte, schwarzbraun gemaserte Kugel kannte, die an einer speziellen, feinen Reibe gerieben werden musste, so sollte sie nun schon bald die ganze Fülle dieses lieblichen, zart weiß blühenden Baumes kennenlernen. Sie winkte ihm vom Balkon zu, Mace, der gerade im Überschwang der Liebe ihr jeden Wunsch von den Augen ablesend, zum Supermercato geeilt war, obwohl sie ihm warm ins Ohr gehaucht hatte, er könne doch warten, bis sich der Regen etwas gelegt hätte, sie würde es schon noch die paar Minuten mit hungrigem Magen aushalten, ihn hielt nichts. Per niente! Er wollte das schnell erledigen. Den ganzen Tag, seitdem sie am frühen Morgen bei ihr angelangt waren, hatten sie sich erst zaghaft durch die Wohnung und das Bett, über den Schreibtisch, durch die Küche, das Bad und den Wohnzimmerteppich bewegt. Zwischendurch schliefen sie ein und wachten plötzlich sanft und wohlig ineinander verquickt auf. Mace war nicht ihr erster, aber mit Bestimmtheit hatte er das Zeug zur großen Liebe. Wochenlang hatte er sie fast schon stur umworben, während sie ihn auf die Probe stellte, nicht ohne sich gleichzeitig mit dem stets nach Dior Sauvage duftenden Omar, mit Florian (Jean Paul Gaultier Le Mâle)und dem blühenden, stämmigen Darian (Viktor&Rolf Spicebomb) zu treffen, zu küssen, und auch diese auf die Probe zu stellen, mit ihnen zu spielen, Hoffnung zu schenken und noch mehr offen zu lassen. Sie hatte einen ganzen Blumenstrauß an Gefährten, doch Mace war anders. Der Gedanke, ihn in ihr Leben zu lassen, alles mit ihm zu teilen, durchströmte ihr Herz. Ihr Körper vibrierte, und mit aller Macht sehnte sie sich nach der Rückkehr dieser wundervollen Gestalt, dieses Mannes, an dem sie einfach alles köstlich und belebend fand und nie genug von ihm bekam.

Es konnte ja nur ein eine kurze Zeitspanne sein, aber als sie noch einmal hinausblickte, regnete es immer noch. Wie aus Gießkannen schüttete es all das Nass auf einmal hinunter und machte die wohlgepflasterten Straßen zu reißenden Sturzfluten. Inmitten dieser tosenden Massen erblickte sie ihren Geliebten, nunmehr vor dem Haus stehend, hoch zu ihrem Balkon blickend – einen gewissen Stolz auf ihren grünen Daumen, der zu dieser blühenden und grün hängenden Pracht geführt hatte, das warmfeuchte Klima begünstigte das Pflanzenwachstum zu seinem Teil – wie er so dastand, der junge Mann, kaum Mitte Zwanzig, so erschien ihr sein Blick doch etwas stier, ein Hauch zu fest, zu entschlossen. Warum bewegte er sich nicht weiter?

Die Liebe, sie macht uns hellwach und vernebelt uns die Gedanken, sie lähmt und beflügelt, alles zur gleichen Zeit und in beinahe irrsinnigem Ricochet. Violetta winkte ihm zu. Seine Miene hellte sich augenblicklich auf. Oder bildete sie sich das nur ein? War das ein Zwinkern in seinen Augen? Etwas glitzerte zart und leicht, er wippte lieblich vor und zurück. Elegant und formvollendet schien er ihr kurz zuzuwinken, in Zeitlupe bog sich seine Hand zu einer sanften Rundung. Wie braungebrannt er doch war, was für ein wundervoller, schöner, gut gewachsener Mensch, ein bisschen derb teilweise vielleicht noch, die breite, leicht schiefe Nase, aber eine zuverlässige Seele und ein sprühender Geist, ein schneller Denker, vor Begeisterung blitzende Augen, voll da und atemberaubend schnell! Beeil dich, mein Herz, ich sterbe fast vor Hunger! … nach dir! Sie lachte in sich hinein, sie zupfte die verwelkten Blüten ab, damit die vom Verlust ihrer Samenkapseln frustrierten Balkonpflanzen umso mehr neue Knospen ansetzen würden und ihre Stadtwohnung noch die ganzen langen Sommer- und milden Herbstmonate in ein farbenprächtiges Refugium verwandelten. Ihr Leid kanalisierten sie in immer noch mehr Blüten, was Violetta gefiel und geschickt auszunutzen wusste.

Als es erneut heftig donnerte und die Wolken platzten, ohne, dass ein Ende der Fluten zu erkennen gewesen wäre, da schoss es Mace wie ein Blitz durch Mark und Bein. Schmerzhaft krampfte sich seine Magengegend zusammen. Etwas war falsch an seinem Zustand, anders jedenfalls als zuvor. Er hob seine sehnigen Arme mit aller Kraft hoch, reckte sie hilfesuchend zur Seite, nach Oben, doch da sich die Menschen zunehmend rasant um ihn herbewegten und in geradezu irrwitzigem Tempo an ihm vorbeiflogen, nahm keiner seine Not wahr. Mace steckte in Schwierigkeiten, aber keiner schenkte ihm Beachtung. Sah ihn denn keiner?

Plötzlich wurde es Nacht, dann war es wieder hell und schon wieder dunkel. Die Sonne brannte auf seinen Nacken und seine Beine, die Knie, Hüften und auch die Schultergelenke fühlten sich taub und eingeschlafen an, obwohl ein süßer Saft wohlig durch ihn hindurchströmte und jede seiner Zellen mit Nährstoffen versorgte. Ihm wurde klar: Er musste hier dringend weg, er durfte keinesfalls stehen bleiben, nicht jetzt, da er Violetta gefunden hatte, diese betörend brillante, zarte und dennoch entschlossene Erscheinung, die ihm eine neue Welt eröffnete. Er wollte zurück zu ihr, in ihre Arme, in die mit englischer Blumentapete bunt gestaltete, mit Kunst und Büchern vollgestopfte Wohnung, er wollte Caffé mit ihr trinken, er wollte sie lieben und er wollte mit ihr in Konzerte gehen, zu Vernissagen, Lesungen und ins Theater und anschließend mit ihr bei einem roten Wein und Olivenöl getränkten Speisen endlos über all die Kunstwerke der Menschheitsgeschichte reden, über das Potenzial des Einzelnen und über neue Geschäftsmodelle, Startups, Skalierung und Inkubatoren.

Es gibt eine Kraft, welche alles verändert. Diese Kraft heißt Liebe. Nur zu oft paart sie sich mit der Wut, dem Ärger und der Enttäuschung, und das ist dann der Moment, an dem sich Wunder entfalten und neues Leben entsteht. Die Leidenschaft. Leidenschaftlich und mit aller Macht zog und zerrte Mace an seinen Beinen, doch er vermochte seine Füße keinen Millimeter vom Boden zu heben. Seine vormalige Ruhe wandelte sich schlagartig in eine unausweichliche Panik. Zu seinem Entsetzen riss seine braungebrannte Haut schmerzhaft auf, die Anstrengung muss zu groß gewesen sein, sie überstieg seine Kräfte. Ihm wurde schwarz vor Augen und sogleich strahlte die Sonne gleißend hell, dunkel, hell, Nacht und Tag wechselten im Sekundentakt. Seine Haut war gänzlich unansehnlich geworden. Sie wirkte geradezu wie die grobe, dunkelbraune Rinde – eines Baumes! Hart, aufgeplatzt und gerissen. Fürchterlich, wie sollte er mit diesem Aussehen vor Violetta treten, wie sollte er ihr erklären, was mit ihm geschehen war? Dass der Regen zu stark und die Sonne zu heiß waren und deshalb seine sichtbare Oberfläche verunstaltet wurde? Er wollte sich über den Arm streichen, um zu nachzuspüren, ob seine Augen ihm einen Streich spielten, doch jede Bewegung fiel ihm unfassbar schwer. Violetta war mittlerweile vom Balkon verschwunden, und gleich wieder da. Diesmal mit einer Gießkanne, denn es war heiß und die Sonne glühte als brennender Ball in großer Höhe gnadenlos auf Mailand.

Da es wieder Sommer geworden und Mace nie von seinem Einkauf zurückgekehrt war, entschloss Violetta sich, das Alte hinter sich zu lassen. Nach einer schweren Phase schwersten Liebeskummers blühte sie von neuem auf, legte sich ein prächtiges, farblich und von der Form her ideal auf sie zugeschnittenes Kleid zu, bei dem einfach alles stimmte, legte mit Flowerbomb den Duft der Saison auf und verzauberte die ganze Welt um sich herum.

Nur manchmal, im Frühsommer, da stieg ihr der Geruch einer Macisblüte in die Nase. Aber sie konnte und wollte sich nicht an ihr altes Leben erinnern. Sie lebte ganz im Hier und Jetzt, ganz im Gegensatz zu Mace, der die Erinnerung an Violetta, diese faszinierende Frau, nie ablegen konnte. Jeden Tag dachte er an sie, an ihren Geruch und an ihre warme Stimme, an ihre seidenweiche Haut, an die Ekstase, in die sie ihn so leichterdings zu versetzen vermochte. Jeden Tag war sein Herz bei ihr, einer Person, die es nicht mehr gab oder sogar nie gegeben hat, die nur in seinem Kopf existierte. Es schmerzte ihn und trieb ihn gleichzeitig an, weiter kraftvoll an seinen Füßen zu ziehen, wobei die Tage wie Stunden verflossen. Bald war wieder Frühling, und schon war der Sommer wieder vergangen. Die meisten Laubbäume färbten erst ihre Blätter und ließen sie dann fallen. Von nun an entwickelte Mace im Sommer weißgelbliche, zweihäusige Blütchen, aus denen er, würde es noch etwas wärmer werden, pfirsichähnliche Früchte mit dickem Fruchtfleisch bildete. Wenn diese Frucht aufplatzt, legt sie einen eiförmigen Samen in karminrotem, zerschlitztem Samenmantel frei. Und so weiter, Jahr für Jahr.

Ohne es zu merken, war Mace alt geworden. Sein Holz spröde und bei einem fast so mächtigen Sturm wie damals, brach ein riesiger Ast herunter. Drei Tage später kamen Männer mit einer Hebebühne, häckselten alles verbliebene Grün von ihm herab und bald schon lag er gefällt und zerstückelt auf den groben Pflastersteinen. Macis und Violette – es gibt Tage und Konstellationen, an denen es besser gewesen wäre, nicht aus dem Bett aufzustehen, kein Essen zu holen, nicht speisen zu gehen. Auch wenn das Schicksal nicht bei jedem so hart zuschlägt, wie bei diesen beiden Liebenden, so kennt doch fast jeder eine ähnliche Geschichte.



Sara Tröster Klemm

für Leif


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